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1961: 1.FCN - Borussia Dortmund 3:0 (2:0)

24. Juni 1961, Niedersachsenstadion Hannover

1.FCN: Wabra, Derbfuß, Hilpert, Zenger, Wenauer, Reisch, Flachenecker, Morlock, Strehl, Müller, Haseneder

Dortmund: Kwiatkowski, Burgsmüller, Thiemann, Kurrat, Geisler, Peters, Kelbassa, Schmidt, Schütz, Konietzka, Cyliax

Tore: 1:0 Haseneder (6.), 2:0 Müller (44.), 3:0 Strehl (67.)

SR: Schulenburg (Hamburg)

Zuschauer: 82.000

In der Oberliga-Saison 1960/61 machte eine Club-Mannschaft Furore, die später dann bundesweit nur noch die jungen Wilden genannt werden sollte. Jung waren sie, der Altersdurchschnitt der Akteure betrug nicht einmal 24 Jahre, und wild waren sie auch, denn sie spielten forsch, unbekümmert und erfolgreich.

Bereits am dritten Spieltag eroberten die Mannen um den Senior Max Morlock (36) mit einem 8:0-Kantersieg gegen Bayern Hof die Tabellenführung der Oberliga Süd.

Selbst der legendäre Heiner Stuhlfauth war restlos begeistert: Wenn der 1. FCN solch junge, ehrgeizige Spieler zur Verfügung hat, dann ist es eine wahre Freude zuzusehen. Souverän wie selten zuvor holte sich die von Trainer Widmayer trainierte Truppe den Südtitel. Widmayer hatte die tolle Arbeit von Bimbo Binder fortgesetzt, der nach sechs Jahren beim Club zum PSV Eindhoven gewechselt war.

Binder hatte auf die Jugendarbeit beim Club ein besonders Augenmerk gelegt und die dort heranwachsenden Talente wie Wenauer (er war 1961 22 Jahre alt), Strehl (22), Derbfuß (23), Hilpert (23), Albrecht (24), Flachenecker (20) und Wild (20) nach und nach in die erste Mannschaft eingebaut.

Widmayer forcierte noch einmal den Verjüngungsprozess und holte aus der Club-Jugend Reisch (19) und Haseneder (19). Mit ihren 27 bzw. 25 Jahren gehörten 1961 Heiner Müller, Roland Wabra und Josef Zenger schon zu den Oldies.

Die Torfabrik der jungen Wilden lief schon in der Oberliga wie geschmiert. Strehl (22 Tore), Flachenecker (16) und Wild (15) hatten den größten Anteil an den 96 Toren. Die nur 30 Gegentore bewiesen aber auch die Qualität der Abwehr um Wabra, Derbfuß und Hilpert. 14 von 30 Spielen gewann der Club zu Null.

Trotz dieses Siegeszugs der jungen Wilden traute ihnen keiner einen Erfolg in der Endrunde um die Deutsche Meisterschaft zu, zumal der Club es in seiner Gruppe mit Hertha BSC, dem mit Nationalspielern nur so gespickten 1. FC Köln und Werder Bremen zu tun hatte.

Doch die Cluberer ließen sich davon nicht beeindrucken. 4:2 und 4:0 gegen Werder Bremen, 2:0 und 3:3 gegen Hertha BSC sowie 3:3 und 2:1 gegen den 1.FC Köln  ungeschlagen zog der Club ins Endspiel ein. Die Frankfurter Abendpost kommentiert beispielsweise den 4:2-Sieg des Club in Bremen: Die Nürnberger bewegen sich in der drückenden Schwüle, als wären sie an der Copacabana aufgewachsen.

Eine Elf von Youngstern mit dem listenreichen Leitwolf namens Morlock.

Der Gegner  im Finale heißt Borussia Dortmund, trainiert von Max Merkel. Die vielen Routiniers, die schon 1956 und 1957 Deutscher Meister wurden, Nationaltorhüter Kwiatkowski und vor allem die treffsichere Stürmerreihe mit Schütz, Konietzka und Kelbassa strotzen vor Selbstbewusstsein. 

Kelbassa tippt auf einen 7:1 Sieg seiner Elf gegen den Club. Widmayer kontert: Unsere Mannschaft wird ihr Spiel spielen und sich durch nichts beeinflussen lassen. Die Stimmung vor dem Finale ist im Quartier des Clubs in der Sportschule Barsinghausen gut. Gelassen und nahezu entspannt lassen die jungen Wilden das Endspiel auf sich zukommen.

Im Niedersachsenstadion warten am 24. Juni 1961 82.000 Zuschauer auf das 50. Jubiläumsendspiel um die deutsche Fußballmeisterschaft. In Nürnberg selbst sind die Straßen um die Spielzeit menschenleer.

Das Leben spielt sich bei den glücklichen Fernsehbesitzern ab, deren Wohnungen meist bis zum letzten Stuhl ausverkauft sind. Vor dem Spiel versucht Morlock die jungen Spieler aufzubauen: Wieso sollten wir eigentlich Angst haben? Wir brauchen uns nicht zu verstecken.

Auf dem Platz versteckte sich dann auch keiner. Unbeeindruckt von den großen Namen ihrer Dortmunder Gegenspieler spielen die Cluberer so souverän, wie man sich eigentlich die Westfalen vorgestellt hätte. Das Abwehrbollwerk um Roland Wabra, Paul Derbfuß und Helmut Hilpert und vor allem Nandl Wenauer in der Mitte ist unüberwindlich, der Ball läuft in den eigenen Reihen wie am Schnürchen und blitzschnell wird in den freien Raum nach vorne gespielt.  

Dort glänzt vor allem der junge Haseneder, der schon in der sechsten Minute den Club mit einem sehenswerten Flugkopfball auf Flanke von Zenger in Führung bringt.

In der 44. Minute fälscht Heiner Müller einen von Strehl hereingegebenen Ball um die entscheidenden Zentimeter ab, so dass er für Kwiatkowski unerreichbar ist. Für den Endstand sorgt dann Strehl in der 67.Minute. Müller war auf der linken Seite auf und davongelaufen und Strehl schiebt seine Hereingabe ungehindert ein.

In der letzten Viertelstunde kommt zwar Dortmund auf, doch der Club spielt gekonnt.

Teilweise sehen die Borussen-Routiniers so kläglich gegen die Cluberer aus, dass sie vom Publikum ausgelacht werden. Nach dem Schlusspfiff liegen sich die Club-Spieler in den Armen und Trainer Widmayer sitzt sprachlos auf der Bank.

Einer der ersten Gratulanten ist Heiner Stuhlfauth: Euere Meisterschaft wird mein Leben um zehn Jahre verlängern.

Der Club ist Meister geworden mit acht Spielern, die aus der eigenen Jugend gekommen sind, das Durchschnittsalter beträgt knapp 24 Jahre. Mit eigenem Gewächs zu arbeiten ist billig und erfolgversprechend, frohlockt Vereinspräsident Ludwig Franz.

In Nürnberg säumen am nächsten Tag 200.000 die Straßen. Der Hauptmarkt ist bis auf den letzten Platz gefüllt, Böllerschüsse krachen und die Spieler bekommen von kleinen Mädchen bunte Blumengirlanden umgehängt.

Oberbürgermeister Andreas Urschlechter verspricht spontan, das Nürnberger Stadion zu vergrößern, und der stellvertretende Ministerpräsident von Bayern, Rudolf Eberhard, gratuliert auf seine Weise: Wenn man in Bayern vom Fußball spricht, schaut man nicht nach München, sondern nach Nürnberg, das ist die Sport-Hauptstadt.

Danach geht’s zum Zabo, wo noch lange in kleinerem Kreise gefeiert wird, bis nachts das große Feuerwerk steigt.

Der 1. FCN überrollte im Endspiel seinen Gegner und heftete ein klares 3:0 an seine Fahne. Eine einmalige Leistung:  zum 8. Male wurde der Club Deutscher Meister, schrieb die NN auf ihrer Titelseite. Ein besonderes Lob bekam dabei Widmayer ab: Ein Blinder konnte es mit dem Krückstock fühlen, daß die gesamte Clubelf nach einer wohldurchdachten Konzeption arbeitete. 

Die Club-Spieler erhielten für die Meisterschaft vom Verein 1.000 Mark und ein Goldstück sowie von verschiedenen Firmen ein Rad, einen Teppich, zwei Anzüge und von der Stadt einen Zinnteller.

Die Texte und Bilder stammen mit freundlicher Genehmigung aus dem Buch "Der Club - 100 Jahre Fußball", erschienen im Verlag W. Tümmel. Das Buch gibt es im 1.FCN-Fan-Shop.