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1936: 1.FCN - Fortuna Düsseldorf 2:1 nV (1:1, 1:1)

21. Juni 1936, Poststadion Berlin

1.FCN: Köhl - Billmann, Munkert - Übelein I., Carolin, Oehm - Gußner, Eiberger, Friedel, Schmitt, Schwab

Düsseldorf: Pesch - Janes, Bornefeld - Mehl, Bender, Czaika - Albrecht, Wigold, Nachtigall, Zwolanowski, Kobierski

Tore: 0:1 Nachtigall (5.), 1:1 Eiberger (34.), 2:1 Gußner (120.)

SR: Birlem (Berlin)

Zuschauer: 45.000

Ungeschlagen holte sich der Club den Titel des Bayerischen Gaumeisters. Vor allem eine Leistung der Abwehr um Torwart „Schorsch“ Köhl, denn in 18 Spielen kassierte man nur 12 Tore.

Auch in seiner Gruppe zur Deutschen Meisterschaft wurde der Club ungeschlagen Erster. Die Stuttgarter Kickers (0:2, 0:5), der SV Jena (1:5, 0:3) und Wormatia Worms (2:2, 1:2) hatten gegen den 1. FCN keine Chance. Ungeschlagen mit 11:1 Punkten bei 19:4 Toren zog der Club ins Halbfinale ein.

Dort stand dann das vorweggenommene Endspiel an: Der Gegner hieß Schalke 04, gegen den der Club im Finale 1934 knapp unterlegen war, im Pokafinale 1935 aber die Oberhand behalten hatte.

Die „Adolf-Hitler-Kampfbahn“ in Stuttgart war mit 75.000 Zuschauern restlos ausverkauft. Für 5,80 Mark fuhren tausende von Club-Fans mit dem Sonderzug an diesem 7. Juni nach Stuttgart und übten schon auf der Fahrt ihren Schlachtruf „Ra-ra-ra, der Club ist wieder da!“ ein.

In der schwäbischen Metropole regnete es in Strömen und die Nürnberger Fans vertrauten auf das "Club-Wetter". Zu Recht. Die Schalker konnten ihr Kurzpass-Spiel, den weltberühmten Schalker-Kreisel, nicht aufziehen. Schon sehr bald verstummten die Sprechchöre "Glaubt nicht an Spuk und böse Geister – Schalke wird Fußballmeister"Georg Friedel, der nicht umsonst der Schalke-Schreck hieß. Er machte seinem Namen alle Ehre und schoss allein den 2:0-Endstand heraus.

Der Endspiel-Gegner heißt Fortuna Düsseldorf, trainiert vom ehemaligen Cluberer "Schorsch" Hochgesang.

Der Club gilt als der große Favorit. Gespielt wird am 21. Juni im Berliner Poststadion, einem der heißesten Tage des 36er Sommers. Die Spieler logieren im Hotel Habsburg. Vor Auf-regung wird dort nurmehr geflüstert, ein ums andere Mal muss Hans Kalb, der die Club-Elf betreut, aufdringlichen Autogrammjägern laut und deutlich die Tür weisen.

Vor dem Anpfiff erheben Spieler und Zuschauer die Hand zum "Deutschen Gruß". Ein "wundervolles und stets ergreifendes Sinnbild der Zusammengehörigkeit" schwärmt der Berichterstatter des Kicker.

Die Düsseldorfer erwischen den besseren Start. Schon nach fünf Minuten liegen sie in Führung. Kobierski hatte Uebelein weggeschoben. Während der vergeblich auf den Pfiff von Schiedsrichter Birlem wartet, startet der Düsseldorfer durch.

Auf seinen langen Pass hin ist Fortuna-Stürmer Nachtigall eine Idee schneller am Ball als Köhl und schießt nach einer kurzen Drehung ins Tor. Der Club reagiert verwirrt. Man übertreibt das Kurzpass-Spiel, meist springt kein Raumgewinn heraus.

Die Fortuna, der Außenseiter, wirkt dagegen frischer und angriffsfreudiger – und der Club hadert mit dem Schiedsrichter, der die harte Gangart der Düsseldorfer durchgehen lässt.

Erst allmählich bekommen Carolin und Übelein I Ruhe ins Nürnberger Spiel. Als Carolin sich ohne gegnerische Einwirkung auf dem strohtrockenen und mit Rissen übersäten Rasen das Knie verdreht und nur noch über den Platz humpeln kann, zieht Abel Übelein das Spiel an sich.

Er wächst über sich hinaus, kämpft für zwei und gibt den entscheidenden Pass zum Ausgleichstreffer. Eiberger umkurvt noch einen Düsseldorfer und schießt unhaltbar zum 1:1 ein.

„Das wird eine böse Geschichte, mit zehn Mann halten wir das nicht aus“, stöhnt Übelein I schon in der Pause. In der zweiten Halbzeit stellt Kalb den verletzten Carolin nach rechts und nimmt Übelein I in die Mitte. Der wird zum Dreh- und Angelpunkt im Nürnberger Strafraum.

Immer wieder erkämpft er sich auch in scheinbar aussichtslosen Situationen den Ball und rettet dem Club zusammen mit Köhl das Unentschieden. Mittlerweile haben alle Fotografen hinter Köhls Tor Aufstellung genommen. Sie alle rechnen mit dem alsbaldigen Füh-rungstreffer der Fortunen. Doch der fällt nicht.

Nach 90 Minuten pfeift Schiedsrichter Birlem ab und verkündet: "Nach zehn Minuten Pause Verlängerung bis zum nächsten Treffer, jedoch nicht länger als zweimal fünfzehn Minuten."

"Jetzt ist alles aus",  meint Übelein I. Aber nicht nur er, sondern alle 22 Akteure sind angesichts der mörderischen Hitze restlos fertig. Noch einmal baut Kalb die Mannschaft um.

Er teilt Friedel, den bis dahin wirkungsvollsten Stürmer, als rechten Läufer ein. Gußner ist nun im Sturm ganz auf sich allein gestellt. Kalbs taktische Maßnahme hat Erfolg, denn das Spiel ist nunmehr ausgeglichen.

Die Düsseldorfer sind zwar gefährlicher, erzielen nach fünf Minuten ein Abseitstor und schießen aus allen Lagen, doch die Clubberer wehren mit letztem Einsatz ab und erarbeiten sich Konterchancen.

Die Spieler sind vor Erschöpfung dem Zusammenbruch nahe, als der Club in der letzten Minute noch einmal alles auf eine Karte setzt. 25 Sekunden vor dem Ende der Verlängerung, als alle Anwesenden sich schon mit einem Wiederholungsspiel abgefunden hatten, fällt dann doch noch die Entscheidung.

Birlem lässt einen von Friedel bereits getretenen Freistoß an der Mittellinie noch einmal ausführen. Friedel passt dieses Mal zu Gußner, und der pfeilschnelle Mann, der sich schon in der 1. Halbzeit den Finger gebrochen hatte, spurtet noch etwa 20 Meter, bevor er das Leder mit einem fulminanten Spannschuss aus gut 25 Metern unhaltbar für Fortunas Torwart Pesch ins Netz jagt. Schlusspfiff.

Der Club ist zum sechsten Mal Meister und die Berliner Zuschauer feiern beide Mannschaften: die überglücklichen Nürnberger und die tief enttäuschten Düsseldorfer. „Wir sind überglücklich, dass diesmal das Glück bei uns war, aber die Besseren – das wart ihr.“ Mit diesem Wort nahm Club-Vorsitzender Karl Müller die Glückwünsche der Düsseldorfer Vereinsführung entgegen.

Nürnbergs Oberbürgermeister Liebel eilt in seiner SA-Uniform auf den Platz und hängt Seppl Schmitt einen Lorbeerkranz um die Schultern. Der SA-Mann inmitten der bekränzten Spieler Carolin, Friedel und Schmitt ziert denn auch die Titelseite des Kicker vom 23. Juni 1936.

In Nürnberg wird die Mannschaft begeistert empfangen. "Fahnen heraus", hat die Gauleitung der NSDAP als Devise ausgegeben. Alle Geschäfte müssen rechtzeitig schließen.

Tausende säumen die mit Hakenkreuz-Flaggen geschmückten Straßen zwischen dem Hauptbahnhof und dem Adolf-Hitler-Platz, wie der Hauptmarkt damals hieß. Als um 19.01 Uhr der Zug aus Berlin im Nürnberger Hauptbahnhof einrollt, kennt der Jubel keine Grenzen mehr.

Die Mannschaft durchschreitet ein SA-Spalier, der verletzte Carolin wird von zwei Uniformierten gestützt zu den mit Rosen geschmückten offenen Wagen geleitet.

Im Rathaus tragen sich die Spieler ins Goldene Buch der Stadt ein. Dann geht`s zur Meisterfeier in den "Kulturverein", wo es sich "Frankenführer" Julius Streicher in seiner Festrede nicht nehmen lässt, den Club-Erfolg als Triumph des Nationalsozialismus hinzustellen: "Wenn ihr heute so habt empfangen werden können, so deshalb, weil wir 14 Jahre um ein neues Deutschland gekämpft haben, gerade in dieser Stadt, in der man euch heute zujubelt."

In den Zeitungen wird Nürnbergs Sieg als glücklich bezeichnet. Nicht jeder trieb dies soweit, wie der Kommentator des Rundfunks, Wernicke: "4:1 war das mindeste, was Fortuna für die überragende Spielleistung verdient gehabt hätte."

Der Fußball sieht dagegen "einen Sieger" und "zwei Meister".  Der Club sei nicht aufgrund seiner Leistung im Finale, sondern der "gewaltigsten und überzeugendsten Dauerleistung im Verlauf einer Saison", so "verdient wie wohl selten ein Verein der Welt" Meister geworden.

Die Texte und Bilder stammen mit freundlicher Genehmigung aus dem Buch "Der Club - 100 Jahre Fußball", erschienen im Verlag W. Tümmel. Das Buch gibt es im 1.FCN-Fan-Shop.