Jenö Konrad-Cup 2026: Steinerne Zeugen
Jenö Konrad-Cup 2026: Führung für Schulklasse übers Reichsparteitagsgelände .
Größer könnte der Kontrast nicht sein: Kinder mit verschiedenen Haut- und Haarfarben sowie in bunten T-Shirts betrachten Fotos von uniformierten Jungs der Hitler-Jugend im Gleichschritt im Städtischen Stadion (heute Max-Morlock-Stadion) und blonden Mädchen in weißer „Bund deutscher Mädel“-Tracht beim Volkstanz auf dem Zeppelinfeld. Massenmobilisierung, Abschaffung jeglicher Individualität, Vorbereitung auf den Angriffskrieg auf Europa – die Fotos, die Leo Stöcklein den 20 Schülerinnen und Schülern der 7. Klassen des Sonderpädagogischen Förderzentrums Langwasser zeigt, bringen die NS-Ideologie der absoluten Gleichschaltung und des Gehorsams zum Ausdruck.
Die Schulklasse steht vor dem Max-Morlock-Stadion, am Stolperstein für den früheren jüdischen Club-Trainer Jenö Konrad, dem Startpunkt für eine Führung über das Nürnberger Reichsparteitagsgelände. Die Führungen am „authentischen“ Ort rund um das Stadion des 1. FC Nürnberg sind Teil des Jenö Konrad-Cups, dem Schulprojekt gegen Antisemitismus, das seit 2018 jährlich mit dem TSV Maccabi Nürnberg in Gedenken an Jenö Konrad veranstaltet wird. Schulklassen können die Führungen bei Leo Stöcklein anfragen. Leo ist Club-Fan und Doktorand am Lehrstuhl für Didaktik der Geschichte an der FAU Erlangen-Nürnberg.
Führungen seit vier Jahren
Seit vier Jahren bringt er Jugendlichen diesen Teil der NS-Historie näher: Was passierte wo am Reichsparteitagsgelände und wie hängt der Teil der Geschichte mit der Verfolgung und Vernichtung von Juden und anderen Minderheiten im Nationalsozialismus zusammen. Von 1933 bis 1938 fanden auf dem Reichsparteitagsgelände die Parteitage der NSDAP statt, der Führerstaat inszenierte sich selbst, die Volksgemeinschaft wurde auf den Krieg eingestimmt. Ein Großteil der Monumentalbauten blieb unvollendet.
„Unsere Schule liegt auch hier in Langwasser. Es sollten alle wissen, was in unserer Nähe passiert ist. Geschichtsvermittlung außerhalb des Klassenzimmers wirkt dabei noch einmal ganz anders“, sagt Lehrerin Antje Höppner. Immer wieder ermuntert sie die Jugendlichen Fragen zu stellen. Doch diese Aufforderung ist eigentlich gar nicht nötig. Aufgeschlossen, ehrlich und direkt löchern die Siebtklässler Leo Stöcklein mit allem, was ihnen gerade in den Sinn kommt. „Ich passe die Führungen immer auf die jeweiligen Klassen an. Dabei sind es meistens die Schulklassen aus Mittelschulen und Förderschulen, die unvoreingenommen besonders viele Fragen stellen. Die Atmosphäre ist hier oftmals lockerer“, freut er sich.
Weiter geht es zum Großen Dutzendteich mit Blick auf die Kongresshalle. „An was erinnert euch dieses Gebäude?“ Schnell kommt die richtige Antwort: „An das Kolosseum in Rom.“ Hier versuchten die Nazis die Architektur des Römischen Reiches zu kopieren, um Macht und Utopie des ewigen „tausendjährigen Reiches“ baulich auszudrücken. Expansion, Eroberung von Lebensraum, Unterwerfung von Menschen, die die deutschen Nationalsozialisten als „Untermenschen“ ansahen – größenwahnsinnige Bauten wurden auch hier in den Dienst der NS-Ideologie gestellt.
Dritte Station auf der gut einstündigen Tour: die Zeppelintribüne mit dem Zeppelinfeld. Vor einem überdimensionierten Hakenkreuz sprach Hitler zum Volk, nahm unter anderem den Appell des Reichsarbeitsdienstes und der Wehrmacht ab, auch Ehrengäste und ausländische Medienvertreter verfolgten die Inszenierung von der Tribühne aus. Zeppelinfeld und Zeppelintribüne waren die einzigen Monumente, die damals fertiggestellt wurden. Gerade läuft die bauliche Instandhaltung. Die Bauten des propagierten „tausendjährigen Reiches“ überlebten nicht einmal 80 Jahre.
Hätten die Schülerinnen und Schüler das Reichsparteitagsgelände nach Ende des zweiten Weltkriegs der Natur überlassen oder gar zerstört? „Nein. Ich muss doch wissen, was passiert ist. Man muss das als Andenken erhalten“, sagt zum Ende der Führung ein Schüler, der, wie die Lehrerin erklärt, Muslim ist. Besser könnte der Kontrast nicht sein.
Am 21. Juli 2026 finden am Sportpark Valznerweiher das Turnier und die Siegerehrung des diesjährigen Jenö Konrad-Cup statt. Informationen zur Jury folgen in Kürze.