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Profis Freitag, 26.05.2017

Ivan Saenko: "Bei Hans waren wir immer wach"

Fotos: Sportfoto Zink

Zum Pokalsieg-Jubiläum erzählen alle Helden im Buch "Ganz Nürnberg war in einem Rausch" ihre ganz persönliche Pokalgeschichte. Ivan Saenko erinnerte sich an viel Schlaf, Chicos Traum und Hans Meyers Ehrgeiz…

Sagen zu können: "Ich habe den Pokal gewonnen", ist schon etwas anderes als: "Ich habe im Finale gestanden." Das sind zwei total verschiedene Sachen. Und Stuttgart war eine Woche vorher Deutscher Meister geworden. Sie hatten eine starke Mannschaft. Für mich war es auch deshalb wie ein Traum. Die ersten Tage nach dem Finale konnte ich gar nicht glauben, dass wir den Pokal wirklich gewonnen haben.

Wenn ich zurückdenke, dann erinnere ich mich sehr genau an das Stadion in Berlin, an die letzten Minuten des Finales, und an den Abpfiff des Schiedsrichters. Ich hatte mich in der Woche vor dem Spiel sehr schlecht gefühlt und nicht viel Kraft gehabt. Die ganze Woche bin ich abends schon um zehn Uhr ins Bett gegangen und habe zehn bis zwölf Stunden geschlafen. Das habe ich sonst nie getan, aber ich fühlte mich einfach nicht fit. Keine Ahnung, was los war. Deshalb war es für mich schwer, mich auf das Spiel vorzubereiten. Und natürlich habe ich auch gedacht: "Wenn ich nicht fit bin, kann ich nicht 100 Prozent geben und vielleicht verlieren wir dann meinetwegen." Aber ich wollte unbedingt spielen.

"Das hat mich sehr stolz gemacht"

Eigentlich hätte ich vor dem Finale sagen müssen: "Ich bin nicht fit, ein anderer soll für mich spielen." Aber ich wollte meine Unsicherheit nicht zeigen, die Mannschaft und der Trainer haben an mich geglaubt. Es passt auch nicht zu meinem russischen Charakter, hinzugehen und zu jammern, es soll bitte jemand anders spielen. Das habe ich nie gemacht und deshalb habe ich mich nach dem Spiel auch so über unseren Sieg gefreut.

Als wir am nächsten Tag in Nürnberg angekommen sind, war die ganze Stadt draußen auf den Straßen, so etwas hatte ich vorher noch nie erlebt. Ich kann dieses Gefühl gar nicht richtig erklären. Da waren so viele Menschen, die uns unterstützt haben. Wenn du das siehst, verstehst du erst, dass du für die Stadt und die Fans etwas ganz Wichtiges erreicht hast. Das hat mich sehr stolz gemacht.

"Chico, ist alles in Ordnung?"

Ich kann mich auch noch gut an einen Moment nach dem Viertelfinale gegen Hannover erinnern. Ich hatte im Funktionsgebäude lange getrödelt und dachte, alle wären schon weg. Dann sah ich, dass Chico alleine im dunklen Aufenthaltsraum saß. Ich fragte ihn: "Chico, ist alles in Ordnung?" Er hat mich angeschaut und gesagt: "Ivan, stell dir doch mal vor, wir würden nach Berlin fahren!" Chico ist ein Supertyp, der mit dem Verein schon so viel erlebt hat.

Vom Halbfinale habe ich vor allem die Stimmung im Stadion in Erinnerung, so etwas hatte ich vorher auch noch nie erlebt. Bei der Europameisterschaft 2008, als wir mit der russischen  Nationalmannschaft die Bronzemedaille geholt haben, war es ähnlich: Es war so laut im Stadion, dass ich dachte, es wären 200.000 Zuschauer da. Die Unterstützung der Club-Fans war überragend. Ich erinnere mich noch an das erste Halbfinal-Tor: Es gab einen Einwurf von links, dann bin ich Eins gegen Eins gegangen, habe geschossen, der Torwart hat geblockt und Engelhardt hat mit rechts das Tor gemacht. Wir haben später noch viel darüber gelacht, weil er Linksfuß ist, und ich immer gesagt habe: "Wie hast du bloß mit rechts ein Tor gemacht?" Danach habe ich eines meiner schönsten Tore geschossen, den Torwart getunnelt. Und dann haben wir gemerkt, dass wir das packen werden. Gegen Frankfurt hatten wir sonst immer Probleme. Im Vorjahr hatte ich im Pokal einen Elfmeter gegen sie verschossen und war sehr enttäuscht von mir. Das haben wir dann mit dem 4:0 wieder gutgemacht.

Früher bin ich nie zur Massage

Für den Trainer war es aber immer zu wenig, auch wenn wir 4:0 gewonnen hatten. Er hat nach jedem Spiel noch etwas gefunden, das nicht gepasst hat oder das wir schlecht gemacht hatten, er wollte immer noch mehr von uns. Doch seine Erfahrung hat uns viel gegeben. Für ihn war jede Kleinigkeit wichtig. Früher bin ich nie zur Massage gegangen, aber Hans ist gekommen und hat die Massagepläne kontrolliert. Er wollte, dass jeder von uns jeden Tag etwas besser wird, damit wir hinterher sagen können, dass wir etwas erreicht haben. Bei Hans waren wir immer wach.

Schon vor dem Training konnte man sehen, wie seine Stimmung war. Wenn er in die Kabine kam und mit der Zunge gespielt hat, wussten wir, jetzt ist er sauer, jetzt ist Besprechung und wir bekommen auf die Fresse. Natürlich hat Hans in den Besprechungen auch lustige Geschichten und Witze erzählt. Aber was den Fußball angeht, war er immer unzufrieden, weil er wollte, dass wir immer noch mehr machen und besser werden. Deswegen war er sauer, wenn wir etwas nicht so gemacht haben, wie er es wollte.

Alleine kannst du nichts gewinnen

Vielleicht waren wir damals noch zu jung. Hans hat viele Sachen gemacht, die wir nicht verstanden haben. Zum Beispiel mussten wir mittwochs immer zusammen frühstücken. Ich habe gedacht: "Warum muss das sein, ich will ausschlafen." Aber Hans hat gewusst, dass uns das viel bringen wird – für die Stimmung in der Mannschaft, damit wir miteinander reden. Alleine kannst du nichts gewinnen, nur als Team. Der Trainer hat vom ersten Spiel an gesagt: "Meister werden ist schwer, aber über einen Erfolg im Pokal kann man Uefa-Cup spielen." Er hatte das selbst als Trainer in der DDR mehrfach geschafft und uns vor jedem Spiel das Selbstvertrauen gegeben, dass auch wir es packen können. Das hat uns sehr geholfen.

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