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Fans Donnerstag, 04.06.2020

Geisterspiele im Fanradio: "Wie früher auf dem Bolzplatz"

Dietmar Noll (links) und Dirk Feustel sind regelmäßig fürs Fanradio am Ball

Das Fanradio überträgt alle Heim- und Auswärtsspiele des FCN - momentan allerdings "nur" aus dem Büro. Im Interview sprechen Oliver Luthardt, Dietmar Noll und Dirk Feustel, die zusammen mit Christian Klug das Reporter-Team bilden, über ihre Erfahrungen, Vor- und Nachteile und erklären, was das Fanradio so besonders macht.

fcn.de: Gegen Aue habt ihr zum allerersten Mal ein Club-Heimspiel nicht live aus dem Stadion kommentiert. Aufgrund der Hygienebestimmungen dürft ihr aktuell alle Partien nur aus dem Büro übertragen. Wie ist diese neue Erfahrung für euch?

Oliver Luthardt: Der Stadiongeruch und die Stadionatmosphäre fehlen mir total. Ich liebe es einfach, ins Stadion zu kommen. Vor dem Fernseher ist vor dem Spiel alles viel steriler und unemotionaler. Es fehlt mir, die Stimmungen und Hoffnungen der Menschen vor dem Spiel hautnah mitzubekommen oder die eigenen mitzuteilen. Wenn das Spiel dann aber begonnen hat, dann kommt der Club-Fan durch und das Spiel zieht einen in den Bann.

Dietmar Noll: Es wünscht sich natürlich keiner Geisterspiele, aber für uns wären die Bedingungen vor Ort natürlich schon spannend. Es wäre reizvoll, direkt mitzubekommen, was auf und neben dem Feld kommuniziert wird und dies an die Hörer zu transportieren. Und auch, ob das alles so umgesetzt wird, was gefordert wird, oder ob das ist wie in den Amateurklassen, wo Spieler gerne mal ignorieren, was der Trainer sagt. (lacht)

Dirk Feustel: Für uns gibt es im Grunde derzeit keinen großen Unterschied zwischen Heim- und Auswärtsspiel, weil wir momentan ja nicht in „unserem“ Stadion sind. Technisch macht es das Kommentieren vielleicht sogar ein bisschen leichter, weil du dich komplett auf das Spiel konzentrieren kannst und andere Faktoren, die um einen herum passieren auf den Presse- oder Zuschauertribünen, nicht zu beachten sind. Emotional ist es nicht ganz so einfach. Immer die Stimme hochzuhalten, generell den Spannungsbogen aufzubauen – das ist schwieriger.

fcn.de: Wo liegen die Unterschiede zwischen Reportage aus dem Stadion und aus dem Büro?

Dirk Feustel: In Sachen Vorbereitung unter der Woche vor dem Spiel ändert sich eigentlich gar nichts. Man bereitet sich genauso gewissenhaft vor. Das Kommentieren an sich ist im Stadion allerdings schöner. Es riecht anders, die Geräusche sind da, man spürt die Emotionen. Wenn dann aber angepfiffen wurde und du konzentrierst dich auf das Kommentieren, dann wird der Unterschied eigentlich immer kleiner. Ich bin dann in einer Art Tunnel und achte auf das, was ich sagen will, bin konzentriert und hab die Technik noch im Blick.

Dietmar Noll: Im Stadion haben wir das Geschehen quasi selbst in der Hand, im Büro ist man auf die Bilder des Regisseurs angewiesen. Im Gegensatz zum TV-Kommentator reden wir ja eigentlich immer. Bei uns sprechen keine Bilder für sich so wie beim Fernsehen, wir müssen die Bilder für den Kopf der Hörer mit unseren Schilderungen kreieren. Und wenn uns da die nötigen Bilder fehlen, ist das oft schwerer. Da überbrückt man die Zeit dann häufiger mit Statistiken oder Anekdoten.

fcn.de: Das heißt, die Art eurer Reportagen ändert sich schon?

Oliver Luthardt: Der Fokus verschiebt sich einfach. Trainer- oder Zuschauerreaktionen haben wir zum Beispiel nur, wenn eine Kamera draufhält, ansonsten geht so etwas verloren. Und uns fehlt auch dieser totale Blick aufs Geschehen. Den kriegst du im TV eigentlich kaum.

Dietmar Noll: Manchmal geht auch der Drive etwas verloren, wenn man eine Szene schildert und plötzlich das TV-Bild nicht mehr drauf ist, weil zum Beispiel eine Wiederholung eingeblendet wird.

fcn.de: Gibt’s andererseits vielleicht auch Vorteile, dass ihr jetzt vorm Fernseher sitzt?

Dietmar Noll: Die angesprochenen Zeitlupen sind im TV schon auch oft hilfreich. Strittige Szenen bekommst du ein paar Mal aus verschiedenen Perspektiven eingespielt, das hilft dir natürlich in der Bewertung.

Oliver Luthardt: Im Stadion müssen wir uns da mehr auf unser Gespür und unsere Erfahrung verlassen. Da kann es natürlich auch mal zu einer Fehleinschätzung führen – was natürlich ganz selten passiert. (schmunzelt)

fcn.de: Mal unabhängig vom Fanradio: Wie fällt euer Fazit von den Geisterspielen bislang aus?

Dirk Feustel: Zuschauer und Stimmung fehlen einfach, das schwächt das Gesamterlebnis irgendwie ab. Ich finde aber, dass es auch eine gute Seite gibt. Der Fußball ist etwas purer. Es gibt weniger negative Emotionen, wie zum Beispiel durch Rudelbildungen, Provokationen oder Foulspiele, die ja auch das Publikum anstacheln. Das fällt jetzt weg, und das finde ich persönlich gar nicht so schlecht.

Oliver Luthardt: Es ist besser, als wenn gar nicht gespielt werden würde. Und man hat manchmal ein bisschen dieses „Back-to-the-roots“-Feeling. Diese Stille durch die alles auf dem Platz zu hören ist, kommt einem vor wie früher auf dem Bolzplatz. Günther Koch hat das nach dem ersten Geisterspiel in Aachen 2004 mal schön beschrieben, als er meinte, man hört, ob der Ball voll und satt getroffen wird oder nicht. Und was für mich ebenfalls ein positiver Nebeneffekt dieser Geisterspiele ist: Die nervigen Schwalbenschinder, die überflüssigen Rudelbildungen und die sterbenden Schwäne sind auf einmal fast völlig verschwunden. Hoffentlich bleibt das so, auch wenn die Stadien wieder voll sind.

fcn.de: Was zuletzt leider fehlte bei Club-Spielen waren die positiven Ergebnisse: Wie schwer ist es, in schwierigen Zeiten live zu kommentieren?

Oliver Luthardt: Wir sind Club-Fans, das lässt uns natürlich nicht kalt. Und manchmal muss man sich schon mal auf die Zunge beißen. Aber ich hoffe und glaube, dass wir es trotzdem meistens ganz gut hinkriegen.

Dirk Feustel: In den letzten Spielen waren wir ja meist nicht die schlechtere Mannschaft, hatten auch immer wieder gute Phasen. Wenn du dann trotzdem immer wieder einen Rückschlag kassierst, dann fällt dir schon ein Hammer auf den Kopf und es fällt dir auch mal schwer, optimistisch zu bleiben – vor allem glaubwürdig optimistisch. Wenn die Erfolgserlebnisse ausbleiben und ich erzähle etwas von einem guten Spiel, dann denken sich die Hörer vielleicht auch: Spinnen die jetzt? Aber es geht eben auch immer darum, das zu schildern, was man selbst wahrnimmt.

fcn.de: Ihr kommentiert zum Teil schon seit rund 15 Jahren Club-Spiele im Blinden- und Fanradio, habt schon vieles gesehen und erlebt. Was war euer schönster und was euer schlimmster Moment?

Oliver Luthardt: Die Aufstiege, natürlich der Pokalsieg und die Europapokalspiele mit den phantastischen Choreographien waren sensationell und sind unvergesslich. Gleichzeitig gibt es beim Club aber eben auch regelmäßig Enttäuschungen und Abstiege – völlig überflüssige noch dazu. Hier passiert halt immer was. (schmunzelt)

Dirk Feustel: Ich finde, es sind häufig auch die kleinen Momente, die oft unerwartet passieren und deshalb schön oder weniger schön sind. Wie jetzt zuletzt zum Beispiel Mikael Ishaks Tor in Regensburg, der nach der langen Pause sofort trifft. Darüber freut man sich dann sehr, genauso wie es einen schon mitnimmt, wenn der Club in St. Pauli ein tolles Spiel macht, dann aber aus dem Nichts eine Rote Karte kassiert und sich das Spiel dadurch dreht.

Dietmar Noll: Wir haben ja 2005 kurz vor der WM mit dem Blinden- und Sehbehinderten-Radio angefangen. Die WM-Spiele hier in Nürnberg zu kommentieren, war dann gleich etwas ganz Besonderes. Dass wir seitdem immer am Ball gewesen und geblieben sind und daraus vor einigen Jahren das Fanradio erwachsen ist, ist eine ganz tolle Sache, auf die man schon stolz sein kann.

fcn.de: Für alle, die bislang noch nicht reingehört haben im Fanradio: Was zeichnet das Fanradio des Club aus, warum sollte man sich die Spiele unbedingt hier anhören?

Dietmar Noll: Weil es das Fanradio des Club ist, und weil man das auch hört. Wir haben die FCN-Brille auf. Das ist zwar nicht immer ein Segen, aber wir kennen eben auch aus Erfahrung die Leidensfähigkeit unseres Vereins. (lacht)

Dirk Feustel: Und bei aller rot-schwarzer Brille sind wir nie unfair oder ungerecht dem Gegner oder Schiedsrichter gegenüber. Das ist uns auch wichtig. Wir erkennen es an, wenn jemand gute Leistungen zeigt oder eben auch besser war, als der Club. Trotzdem dürfen wir 100 Prozent FCN sein. Und das hört man auch!

Das FANRADIO überträgt alle Heim- und Auswärtsspiele des FCN kostenlos, live und in voller Länge auf fcn.de und in der Club-App

Oliver Luthardt (l.) ist wie Noll bereits seit 2005 am Mikro
Auch Christian Klug (l.) kommentiert regelmäßig fürs Fanradio