"Ein klares Ausschlusskriterium"
Club-Historiker Bernd Siegler im Interview.
fcn.de: Seit über 30 Jahren arbeitet der 1. FC Nürnberg das Verhalten und die Haltung des Vereins während des Nationalsozialismus auf. Wie kann es passieren, dass nach einem Waffen-SS-Mitglied ein Block benannt wurde?
Bernd Siegler: Der 1. FC Nürnberg setzt sich in Bildungsprojekten intensiv gegen Rechtsextremismus, Antisemitismus oder jegliche Art von Diskriminierung ein und arbeitet seine Geschichte in der NS-Zeit auf. Es gibt Schulprojekte, Gedenkstättenfahrten, Stadtführungen und Stolpersteinverlegungen. Parallel dazu laufen die Recherchen zu Verantwortlichen des Vereins, Mitgliedern und auch Spielern und bringen immer wieder neue Erkenntnisse. Die Fakten über die Mitgliedschaften von Club-Meisterspielern in der NSDAP sind dem 1. FC Nürnberg seit längerem bekannt. Sie wurden im Dezember 2022 im Buch „Heulen mit den Wölfen – Der 1. FC Nürnberg und der Ausschluss seiner jüdischen Mitglieder“ publiziert. Der 1. FC Nürnberg ist der Herausgeber dieses Buches.
Solche Dinge zu erforschen, ist das eine. Das andere ist, was dann trotz aller Aufarbeitung und Sensibilität aus den Rechercheergebnissen resultiert. Eine Medienanfrage hat uns verdeutlicht, dass wir stringent handeln und alle außerordentlichen Nennungen von verdienten Spielern sorgfältig überprüfen müssen. Dabei sind wir nicht allein, sondern haben uns eingehend mit anerkannten Historikerkapazitäten beraten, die häufig mit solchen Themen konfrontiert sind.
fcn.de: Warum hat der 1. FC Nürnberg nicht gleich die Tafeln von allen NSDAP-Mitgliedern abmontiert?
Bernd Siegler: Das Prinzip des 1. FC Nürnberg ist eine differenzierte, reflektierte Geschichtsbetrachtung. Die Mitgliedschaft in der NSDAP wird demnach nicht unter den Teppich gekehrt, sondern kritisch kontextualisiert, also in dem damaligen Gesamtzusammenhang gestellt. Millionen waren damals Parteimitglied und bekundeten damit ihr Einverständnis mit dem NS-System. Aber nicht jedes NSDAP-Mitglied war damit automatisch Täter. Wer nicht verbrecherisch gehandelt oder das NS-Regime propagandistisch unterstützt hat, kann daher Namensgeber für einen Stadionblock bleiben. In Zukunft wird aber – auch bei der Club-Ikone Heiner Stuhlfauth – seine Mitgliedschaft in der NSDAP immer thematisiert werden.
fcn.de: Und bei Andreas Munkert?
Bernd Siegler: Die Fakten über die Mitgliedschaft von Andreas Munkert in der Waffen-SS sind dem 1. FC Nürnberg seit Dezember 2022 bekannt. Sie wurden im Buch „Heulen mit den Wölfen – Der 1. FC Nürnberg und der Ausschluss seiner jüdischen Mitglieder“ veröffentlicht. Die Waffen-SS war eine verbrecherische Organisation. Zu diesem Ergebnis kam schon 1946 der Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher. Die Mitgliedschaft in der Waffen-SS ist ein klares Ausschlusskriterium, um trotz aller sportlichen Leistungen als Namensgeber für einen Stadionblock in Frage zu kommen.