Freund kam mir nach kurzer Zeit zu Hilfe und brachte mich raus aus der Menge in die Mixed Zone und von da direkt zur Stadi- onwache. Dort konnte ich mich dann beruhigen und habe erst so richtig realisiert, was gerade passiert war. Und auf der Stadionwache konnte ich den Vorfall auch gleich zur Anzeige bringen. Grundsätzlich bin ich allen, die mir zu Hilfe kamen, sehr dankbar. Wann und warum hast du dich entschieden, den Vorfall öffentlich zu machen. Ich habe mich am Tag danach, als ich alles noch ein bisschen besser verarbeitet hatte, dazu entschieden. Nachdem ich bei der Polizei gewesen war, hatte ein Freund von mir auf dem Heimweg noch einmal mit mir darüber geredet und ange- merkt, dass sexuelle Übergriffe gegenüber Frauen sehr häufig passieren und leider kaum an die Öffentlichkeit geraten bzw. zur Anzeige gebracht werden. Oftmals fehlt nach einem solch scho- ckierenden Erlebnis auch der Mut, damit an die Öffentlichkeit zu gehen. Das war letztlich meine Motivation, das auch auf Twitter zu teilen. Ich hätte nie gedacht, dass der Tweet derartig viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen würde. Mir wurde viel Respekt ausgesprochen, was mir auch noch einmal zeigte, dass es an- deren Menschen so viel bedeuten kann, wenn jemand einen sol- chen Vorfall sexueller Übergriffigkeit öffentlich macht. Negative Kommentare gibt es im Netz natürlich fast immer. Das Positive, das dadurch jedoch entstanden ist, überwiegt aus meiner Sicht aber vollkommen. Alle die mich kennen, wissen, dass es passiert ist, dass es keine Fake-Story von mir ist, um Aufmerksamkeit zu bekommen, es waren Zeugen dabei, es gibt ein Foto davon und deshalb lasse ich mich von negativen Reaktionen auch nicht unterkriegen. Es gibt auch keinen Grund, weshalb du dich dafür rechtfertigen müss- test. Haben dir Frauen denn im Zuge deiner Veröffentlichung ähnliche Situationen geschildert, denn derartige Fälle kamen ja bisher noch nicht an die Öffentlichkeit. Ja. Zwei Frauen haben jeweils von einer ähnlichen Erfahrung berichtet. Beide hatten die Vorfälle nieman- dem erzählt und beide hatten leider auch nicht wie ich direkte Unterstützung von anderen Menschen in der Nähe erhalten. Mir hat es viel bedeutet, dass andere Menschen sich an mich ge- wendet haben und dadurch den Mut fassen konnten, so etwas zu schreiben und jemand anderem zu erzählen. Mit welchem Gefühl wirst du zum nächsten Heimspiel gehen? Das ist eine gute Frage, über die ich mir selbst nach alledem noch nicht viele Gedanken gemacht habe. Grundsätzlich werde ich natür- lich auch weiterhin zu den Heimspielen des FCN gehen. Ich glau- be aber, dass ich schon ein mulmiges Gefühl haben werde, wenn ich von der Tribüne auf den Rasen, insbesondere an die Stelle blicke, an der es passiert ist. Ich würde mich mit dem heutigen Wissen auch kein zweites Mal bei einem Platzsturm ohne meine Freunde in eine Menschenmenge begeben, aber ich glaube durchaus, dass ich in Zukunft bei vergleichbaren Situationen bedachter sein und stärker aufpassen werde. Gleichzeitig will ich mir das Stadionerlebnis dadurch jedoch nicht verderben lassen und trotzdem versuchen, in Ruhe ein Spiel zu schauen und Spaß daran zu finden. Ich bin dem Club auf jeden Fall sehr dankbar für die Unterstützung, die mir jetzt entgegengebracht wird, und es ist auch ein wirklich wichtiges Thema, was nicht nur in Fußballstadien, sondern auch an anderen Orten, an denen sich viele Menschen versammeln, immer passieren kann. Cosima, Club-Fan Niels Rossow, unser Kaufmännischer Vorstand, war eben auch hier und hat dir versichert, dass wir, dass der 1. FC Nürnberg, fest an deiner Seite steht. Was würdest du dir von uns als Verein bzw. anderen Vereinen generell in der Prävention und auch im Nachgang solcher Vorfälle wünschen? Ich bin dem Club auf jeden Fall sehr dankbar für die Unterstützung, die mir jetzt entgegengebracht wird und es ist auch ein wirklich wichtiges Thema, was nicht nur in Fußballsta- dien, sondern auch an anderen Orten, an denen sich viele Men- schen versammeln, immer passieren kann. Vielleicht kann durch Kampagnen oder auch Durchsagen während des Spiels oder in der Halbzeit noch einmal darauf aufmerksam gemacht werden, nicht wegzuschauen und Zivilcourage zu zeigen. Ich finde es sehr wichtig, wenn dieses Thema in Zukunft von Vereinen noch intensiver aufgearbeitet wird. Bei einem Fußballspiel im Stadion ist natürlich nicht der erste oder zweite Gedanke im Hinterkopf eines jeden Fans, dass andere Menschen vielleicht gerade belästigt werden könnten. Deshalb finde ich es wichtig, dass so etwas an die Öffentlichkeit gebracht wird, da das leider immer wieder passiert, passieren kann, dass man da hinschauen muss, und dass man sich dann auch trauen kann, einzugreifen. Es sind im Stadion Ordner zugegen, es gibt die Stadionwache und jeden einzelnen Zuschauer, der potenziell helfen kann, sexuelle Über- griffe zu verhindern bzw. den Täter direkt zu fassen. Vielen Dank für das Interview und vor allem den Mut, den du im Umgang mit diesem Thema zeigst. Wir können nur noch einmal wiederholen: Der 1. FC Nürnberg steht fest an deiner Seite, Cosima. 37