Horst Enzenberger ist seit Jahrzehnten leidenschaftlicher Club-Fan. Ein Spiel seines Herzensvereins wird er allerdings leider nie mehr sehen können. Horst Enzenberger ist blind. Ein Arbeitsunfall hat ihn vor vielen Jahren sein Augenlicht gekostet. Bei Heimspielen des FCN ist Enzenberger trotzdem regelmäßig live im Stadion – und hat nicht das Gefühl, etwas zu verpassen. Denn sobald das Spiel angepfiffen wird, nimmt Enzenberger seinen Platz auf der Haupttribüne ein, zieht seine Kopfhörer über und lauscht dem Blindenradio des 1. FC Nürnberg.
„Der Fußball ist wie ein Virus. Einmal angesteckt, lässt er dich nicht mehr los. Und wenn man etwas live im Stadion erleben darf, dann ist das eine ganz andere Atmosphäre. Durch die laute Kulisse ringsherum erlebt man jedes Spiel anders, und durch das Blindenradio bin ich wieder viel näher am Spielgeschehen dran“, sagt er.
Rund ein Dutzend Fans nutzen jedes Heimspiel den Service, den der Club sehbehinderten und blinden Stadionbesuchern anbietet. Seit nunmehr 20 Jahren. „Herzlich willkommen zum heutigen Heimspiel des 1. FCN gegen den FC Schalke. Wir haben den 6. Spieltag, aber dies ist das erste Spiel, das wir für euch kommentieren dürfen“, lauteten die ersten Satze, die bei der Premiere des Blindenradios am 21. September 2005 von Reporter Oliver Luthardt gesprochen wurden.
Luthardt sitzt auch heute noch am Mikrofon und hat, wie damals, noch immer Dietmar Noll an seiner Seite. Die beiden sind seit nunmehr 20 Jahren die Stimmen des FCN-Blindenradios, das seit der Saison 2014/2015 zum Club-Fanradio ausgebaut wurde. Seitdem können nicht nur Menschen mit einer Sehbehinderung im Stadion, sondern Anhänger weltweit die Partien per Audiostream auf der Website oder in der Mobile App des FCN verfolgen. 90 Minuten live, kostenlos, mit viel Liebe zum Detail und noch mehr Leidenschaft kommentiert.
„Wir haben das Privileg, dass wir mit Herz und Leidenschaft das Spiel unseres Clubs kommentieren dürfen", erklärt Luthardt. „Wir können unsere Emotionen mit anderen teilen und sie teilhaben lassen." Und Emotionen gab's in 20 Jahren reichlich. „Aufstiege, Relegationsspiele, Derbysiege, unvergessen sind auch die Europapokalabende – wir durften schon viele besondere Momente erleben und kommentieren", sagt Noll.
„Alles getoppt hat allerdings die Relegation in Ingolstadt, in der wir alle fast wahnsinnig geworden sind“, erzählt Luthardt. „Wenn das Ding nicht zählt, dann war's das. Und wenn es zählt, dann war's das auch“, brüllte Luthardts Reporterkollege Christian Klug nach Fabian Schleuseners Treffer in der 96. Minute damals den Satz ins Mikro, der sich vielen Club-Fans bis heute eingebrannt hat und anschließend mehr als eine Million Mal im Netz abgespielt wurde.
Für den Club war's das nicht. Und für die Reporter und ihr Blinden- und Fanradio natürlich auch noch lange nicht. „Wir haben doch gestern erst damit angefangen“, scherzt Noll.