Profis Interview Sonntag, 30.10.2016

Sven Brux: "St. Pauli hat mir meine Jugend geklaut"

Foto: Sportfoto Zink

Sein Name ist Kult, sein Profil ebenso vielfältig wie einmalig. fcn.de unterhielt sich mit dem Leiter der Organisation & Sicherheit des FC St. Pauli, Sven Brux, über seine Verbundenheit zu Karpfen, seine Rückkehr zum Fußball und 27 Jahre Wellengang.

fcn.de: Wahlhamburger, Naturliebhaber und Vorsitzender des Verbandes Deutscher Karpfenangel Clubs. Wie passt das alles zum Sicherheitschef des FC St. Pauli?

Sven Brux: Das Hobby Angeln besteht bei mir ja schon seit der Kindheit. Das hat mich auch nie verlassen, auch wenn es in den wilden Zeiten mal in den Hintergrund gerückt ist. Da hatte man dann andere Prioritäten. Jetzt ist angeln einfach ein passender Ausgleich zu einem stressigen Beruf und dem Leben in der Großstadt. Nach Kiez und Stadion kann man in der Natur, am liebsten auch mal alleine, am besten abschalten.

fcn.de: Stichpunkt wilde Zeiten. Wie viel des rothaarigen Punks der 80er Jahre steckt noch in dem angelnden Sicherheitschef von heute?

Sven Brux: Das waren wirklich wilde Zeiten. Dazu gehörte aber auch die erste Zeit hier als Fan und später dann als Fanbeauftragter. Da hat man jede Auswärtsfahrt mitgenommen und auch mal gerne mitgefeiert. Das hat sich mit dem Alter aber zunehmend abgeschwächt. Das alles ist aber noch immer in mir. Nur die Intensität hat abgenommen. Jeder, der wie ich die Fünfziger-Grenze überschritten hat, weiß, dass es eine Woche zur Regeneration braucht, wenn man sich mal die Lampen ausgeschossen hat. Bis morgens um fünf Uhr Party machen und dann um acht Uhr arbeiten gehen, ist nicht mehr drin wie früher mit 20.

fcn.de: Bei einem anderen Verein kann man Sie sich bei alle dem ja gar nicht vorstellen…

Sven Brux: Das ist wohl so. Ich hatte eigentlich mit dem Fußball abgeschlossen. Als früherer Kölner war ich früher eben Effzeh-Fan, wie eigentlich auch alle anderen dort. Aber dann kamen Anfang der 80er Punk-Rock und das politische Bewusstsein dazu. Da war es aufgrund von Rechtsradikalismus, Hooliganismus und so weiter nicht mehr denkbar, in ein Fußballstadion zu gehen. Mit dem Umzug nach Hamburg und dem Kennenlernen der Nachbarschaft bot sich mit dem FC St. Pauli dann wieder eine Alternative für einen unkonventionellen Menschen wie mich. Ich bin dann einfach mal mitgegangen. Da hat man nicht gleich auf die Backen bekommen.

fcn.de: Wir fragen jetzt einfach mal für das schöne Zitat. St. Pauli, nur ein Arbeitgeber für Sie?

Sven Brux: Natürlich nicht! St. Pauli hat mir meine Jugend geklaut (lacht). Ich bin jetzt 27 Jahre hier, alleine deswegen ist das schon etwas ganz anderes. Man hat alle Phasen dieses Vereins mitgemacht, von der ersten Liga und alles super bis zur Fast-Insolvenz, als man nachmittags noch nicht wusste, wie man abends die Briefmarken bezahlen soll. Das geht einem in Fleisch und Blut über.

fcn.de: Macht Sie Ihr Weg vom Fan über den Fanbeauftragten zum heute strengsten oder verständnisvollsten Sicherheitschef Deutschlands?

Sven Brux: Zum Härtesten ganz bestimmt nicht. Ich denke einfach, dass ich in Sicherheitsfragen ein anderes Verständnis von dem habe, was die andere Seite so macht oder empfindet. Ich habe es ja selbst jahrzehntelang so empfunden. Ich kann deshalb vielleicht begründeter kritisieren, als vielleicht andere, die einfach sagen: "Es ist verboten, weil ich das sage." Auf der anderen Seite kann ich in Sitzungen mit der Polizei oder anderen Gremien wie dem DFB im Sinne der Faninteressen argumentieren. Wir haben uns zum Beispiel immer geweigert, die Länge von Fahnenstangen zu reglementieren. Was soll das auch? Was ist an einer vier Meter langen Teleskop-Fahnenstange gefährlicher, als an einem ein Meter langen Holzstab? Nur weil etwas in Bestimmungen steht, muss man das nicht akzeptieren.

fcn.de: Werden Sie denn von Fans anders wahrgenommen, als vielleicht Kollegen anderer Vereine?

Sven Brux: Bei den Fans gehe ich davon aus. Da habe ich vielleicht noch einen anderen Credit. Im Sinne von "Ach Mensch, der gehört vielleicht nicht mehr ganz dazu, aber er weiß doch, wovon er spricht. Dem können wir vertrauen." Viele andere Vereine haben Ex-Polizisten in diesen Positionen. Vielleicht ist das der Unterschied.

fcn.de: Um auch Mal über den Ballsport zu sprechen; aktuell läuft es bei Ihnen ja nicht ganz so prickelnd. Auswirkungen des Sommertransferfensters?

Sven Brux: Zum Glück bin ich weder für den Sport zuständig, noch muss ich Ahnung davon haben. Aber historisch ist es wirklich so, dass St. Pauli kein Mittelmaß kann. Entweder stecken wir unten drin oder spielen oben mit. Ich kann mich an keine Saison erinnern in den letzten 27 Jahren, wo wir einfach mal um Platz zehn herumgehangen haben. Woran das jetzt genau liegt, weiß ich nicht. Jetzt muss man auch einfach sagen, dass wir wahnsinniges Verletzungspech seit dem Beginn dieser Saison haben. Dann kommt die ein oder andere Schiedsrichterentscheidung dazu, die nicht ganz so glücklich war. Es läuft auf gut Deutsch gesagt im Moment einfach beschissen. Aber das Pokalspiel am vergangenen Dienstag hat kämpferisch zumindest wieder gestimmt.

fcn.de: Was wird es also für eine Saison in der Hansestadt?

Sven Brux: Ich denke schon, dass wir bald die Kurve kriegen und sich die Verletztenliste reduzieren wird. Dann sollten wir auch Anschluss ans untere Mittelfeld bekommen und die Saison hoffentlich gefahrenlos, ohne größere Aufregungen, zu Ende spielen. Dass jetzt ausgerechnet der wiedererstarkte Club zu Besuch kommt, ist aber natürlich nicht ganz so einfach; auch wenn wir gegen die Starken meistens besser gespielt haben als gegen vermeintliche Underdogs.

fcn.de: Auf was können sich die Fans am Montag also freuen?

Sven Brux: Ich bin fest davon überzeugt, dass sich unsere Mannschaft zerreißen wird, um den Faden aus dem Pokalspiel gleich wieder aufzunehmen. Die wird alles daran setzen, die drei Punkte einzufahren. Durch das Abendspiel wird das sicherlich eine stimmungsvolle Partie mit einem heißen Kampf. Ihr habt ja am Dienstag dann auch mal wieder einen Feiertag, wir armen Nordlichter sind da etwas in Arsch gekniffen (lacht).

fcn.de: Ihr Tipp?

Sven Brux: Ich würde auf einen knappen Sieg für St. Pauli tippen. 2:1 oder 1:0.

Spieldaten

11. Spieltag, 2. Bundesliga 2016/2017
1 : 1
FC St. Pauli
6. Christopher Buchtmann 1:0
1. FC Nürnberg
20. Guido Burgstaller 1:1
Stadion
Datum
31.10.2016 20:15 Uhr
Schiedsrichter
Harm Osmers
Zuschauer
29546

Aufstellung

FC St. Pauli
Himmelmann - Hedenstad - Sobiech - Avevor - Koglin (66. Buballa) - Nehrig - Buchtmann - Sahin - Sobota (74. Neudecker) - Miyaichi (29. Litka) - Ducksch
Reservebank
Heerwagen, Buballa, Gonther, Hornschuh, Kyoung-Rok, Litka, Neudecker
Trainer
Ewald Lienen
1. FC Nürnberg
Kirschbaum - Brecko - Hovland - Mühl - Sepsi - Petrak - Leibold (90. Kammerbauer) - Kempe - Möhwald - Burgstaller - Matavz (55. Sylvestr)
Reservebank
Schäfer, Evseev, Gíslason, Kammerbauer, Salli, Sylvestr, Teuchert
Trainer
Alois Schwartz

Ereignisse

6. min Spielstand: 1:0
Christopher Buchtmann

20. min Spielstand: 1:1
Guido Burgstaller

29. min Spielstand: 1:1
Maurice Jerome Litka kommt für Ryo Miyaichi

49. min Spielstand: 1:1
Christopher Buchtmann

55. min Spielstand: 1:1
Jakub Sylvestr kommt für Tim Matavz

60. min Spielstand: 1:1
Bernd Nehrig

65. min Spielstand: 1:1
Ondrej Petrak

66. min Spielstand: 1:1
Daniel Buballa kommt für Brian Koglin

74. min Spielstand: 1:1
Richard Neudecker kommt für Waldemar Sobota

82. min Spielstand: 1:1
Maurice Jerome Litka

90.(+1) min Spielstand: 1:1
Patrick Kammerbauer kommt für Tim Leibold