Nachwuchs Dienstag, 08.09.2015

"Kein Kind sitzt mehr auf der Ersatzbank!"

fcn.de sprach mit Prof. Dr. Dr. Matthias Lochmann über die Vorzüge von FUNiño.

fcn.de: In der Halbzeitpause des Heimspiels gegen Fortuna Düsseldorf am Sonntag, 30.08.15, wurde FUNino gespielt, Sie haben die Veranstaltung moderiert. Wie kam es zu dem Namen FUNiño?

Matthias Lochmann: Die Idee von FUNiño ist nicht ganz neu, früher war der Begriff "Minifußball" geläufig. FUNiño ist erst in den vergangenen fünf, sechs Jahren groß aufgekommen und findet nun weltweit Anklang (Weitere Infos zu FUNiño gibt’s hier). Ich selbst habe Horst Wein, den Begründer dieser Spielidee bei einer Fortbildung getroffen, als ich Jugendtrainer beim 1. FSV Mainz 05 (2004-2006) war. Damals hat er das Konzept vorgestellt und ich habe sofort erkannt, dass ich viele klassische Ausbildungsinhalte verwerfen muss.

fcn.de: Wie unterscheidet sich denn FUNiño vom gängigen Kinder-Fußballtraining?

Matthias Lochmann: Kein Kind sitzt mehr auf der Ersatzbank! Bei FUNiño gibt es drei Feldspieler und einen sogenannten Rotationsspieler. Ich sage extra nicht Wechselspieler. Die Kinder rotieren immer dann, wenn eine Mannschaft ein Tor erzielt. Somit kommt jedes Kind auf die gleiche Spielzeit. Alle haben dieselbe Grundlage, gleich gefördert zu werden. Da es keine feste Position auf dem Spielfeld gibt, erlernt jedes Kind zudem Angriff und Abwehr gleichermaßen.

fcn.de: Was sind die (besonderen) Vorzüge des kindergerechten Jugendtrainings FUNiño?

Matthias Lochmann: Jedes einzelne Kind hat häufiger den Ball, muss ständig Entscheidungen treffen und mehr laufen. Dabei schult FUNiño sowohl die Körperbeherrschung als auch die Handlungsschnelligkeit und verschafft Spielern, die auf diese Weise trainieren, einen Vorteil, der weit über athletische Fitness hinausgeht: Hat eine Mannschaft Spieler, die Handlungsszenarien schnell antizipieren und richtig entscheiden können sowie über eine außergewöhnliche Körper- und Ballbeherrschung verfügen, sind sie Mannschaften, die rein auf Kraft und Ausdauer setzen, überlegen. Es sind diese Fertigkeiten, die FUNiño schon bei den 6-10-Jährigen fördert.

fcn.de: Minimiert FUNiño also den relativen Alterseffekt?

Matthias Lochmann: Dieser Effekt wird nahezu komplett verschwinden, sobald man eine periodisierte Wettkampfsystematik einführt. Der Alterseffekt ist bei Jugendmannschaften gegeben, da diese bereits bei den jungen Jahrgängen am Spielergebnis orientiert trainieren und spielen. Die Wahrscheinlichkeit zu gewinnen ist mit größeren, robusteren Spielern bei den meisten Jugendmannschaften im Durchschnitt höher. Daher werden körperlich weniger entwickelte – also die jüngeren in einem Jahrgang- weniger gefördert, sowohl im Spiel als auch im Training. Die Folge ist zunächst Demotivation und dann oft das Ausscheiden aus dem System.

fcn.de: Wie verhält es sich mit den Konflikten zwischen Trainern und Eltern?

Matthias Lochmann: Dieser wird sich erheblich reduzieren, da der größte Konflikt zwischen beiden Parteien meist aufgrund der Einsatzzeit besteht. Es gibt immer latente Spannungen. Eltern beschweren sich, weil ihr Kind nicht von Beginn an spielt. Als Trainer fühlt man sich unwohl, weil man im Zweifel die Bank-Spieler nicht einwechselt, um das Spiel zu gewinnen. Das Wichtigste ist, dass die Auswechselbank verschwindet und das tut sie bei FUNiño. Im Erwachsenen-Fußball kommt dieses Problem irgendwann von alleine, aber bei der U7 bis zur U10 hat es nichts zu suchen. Es ist kontraproduktiv für den Verband, die Vereine, die Eltern und die Kinder und deshalb paradox, dass es noch nicht beseitigt wurde.

fcn.de: Beim Club ist FUNiño in der Ausbildungsphilosophie integriert und wird in regelmäßigen Abständen in der U10 bis zur U13 eingesetzt. Wie kam es zum Kontakt zwischen Ihnen und dem Club?

Matthias Lochmann: Einige Mitarbeiter des NLZ kenne ich bereits seit dem Zertifizierungsverfahren des NLZ durch den DFB und die DFL im Jahr 2010. Anschließend haben wir immer wieder zusammen gearbeitet. Mit meinem Engagement als Trainer beim TSV Neunkirchen habe ich das Thema FUNiño im Verein aufgegriffen und ein Festival organisiert, bei dem auch Björn Benke anwesend war.

fcn.de: Welche weiteren Veranstaltungen sind geplant?

Matthias Lochmann: Bei einer zweiten Fortbildung am Institut für Sportwissenschaft und Sport in Erlangen (ISS), bei der auch Horst Wein zugegen war, haben wir in einem Workshop die Grundlage für experimentelle FUNiño Freundschaftsspiele mit periodisierter Wettkampfsystematik geschaffen. Diese startet am 13.09.15 auf dem Sportgelände des ISS. Danach stehen bereits weitere Termine bei anderen Vereinen fest, u.a. auch beim Partnerverein des Club, SK Lauf. Wir wollen auch mit Hilfe des 1. FC Nürnberg für die Einführung eines altersgerechten periodisierten Wettkampfsystems werben, um den Kindern mit FUNiño mehr Spaß am Fußball zu ermöglichen und gleichzeitig ihr volles Leistungspotential zu entfalten. Davon profitiert wiederum der Club, der dann auf einen größeren Pool an besser ausgebildeten Fußballern Zugriff erhalten wird. Ich kann den 1. FCN nur beglückwünschen, dass er sich für FUNiño entschieden hat.

 

Das ist Prof. Dr. Dr. Matthias Lochmann:

Matthias Lochmann ist Trainingswissenschaftler, Sportmediziner und UEFA A-Lizenztrainer. Er hat erfolgreich Physik, Sport und Erziehungswissenschaften für das höhere Lehramt studiert, anschließend Medizin. Seit 2008 arbeitet er als Professor am Institut für Sportwissenschaft und Sport der Friedrich- Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und leitet dort den Arbeitsbereich Sport- und Bewegungsmedizin. An der Universität ist er darüber hinaus für die Fußballausbildung der Sportstudenten verantwortlich. Selbst Fußball gespielt hat er unter anderem beim SV Darmstadt 98. Als Trainer war er neben vielen weiteren Stationen im Nachwuchsleistungszentrum des 1. FSV Mainz 05 tätig. Matthias Lochmann war maßgeblich am Aufbau und der Durchführung der Zertifizierung der Nachwuchsleistungszentren der deutschen Proficlubs beteiligt. Im Auftrag der DFL arbeitet er aktuell gemeinsam mit der Fraunhofer Gesellschaft an Innovationen im Bereich der Positionsdatenanalyse der Bundesliga. In diesem Zusammenhang untersucht er derzeit auch die Möglichkeiten und Grenzen unterschiedlicher Wettkampfsysteme für die Leistungsentwicklung junger Sportspieler.