Business Dienstag, 28.03.2017

Jörg Dittwar: "Inklusion wird hier gelebt"

Ab sofort kehrt Jörg Dittwar für die Initiative NÜRNBERG GEWINNT auf den Trainingsplatz des 1. FC Nürnberg zurück. Der Ex-Profi, der bei Heimspielen auch regelmäßig als Experte fürs CLUB FANRADIO im Einsatz ist, übernimmt als aktueller Bundestrainer der Nationalmannschaft für Fußballer mit intellektueller Beeinträchtigung ein regelmäßiges Handicap-Fußballangebot.

fcn.de: Jörg, du leitest künftig ein Handicap-Fußballangebot beim Club. Das erste Schnuppertraining mit über 20 Handicap-Fußballern im Dezember 2016 war ein Erfolg. Wie hast du die Rückkehr an alte Wirkungsstätte erlebt?

Jörg Dittwar: Wieder beim Club auf dem Trainingsplatz zu stehen, das war ungewöhnlich, es war sehr sentimental. Ich bin ein Mensch, der die Vergangenheit nicht abschütteln kann. Ich habe die sieben Club-Jahre überflogen. Das hat mich berührt. Ich bin als Sportinvalide ausgeschieden, nicht, weil die Leistung nicht stimmte. Mit 30 war ich eigentlich noch gut drauf, auf dem Höhepunkt meiner Karriere. Ich wollte als Franke immer beim Club spielen, obwohl ich hätte weggehen und auch mehr Geld verdienen können.

fcn.de: Seit 1. April 2009 bist du Bundestrainer der Nationalmannschaft für Fußballer mit intellektueller Beeinträchtigung. Wie bist du zu dieser außergewöhnlichen Aufgabe gekommen?

Jörg Dittwar: 2006, nach der WM in Deutschland, gab es ein vom Deutschen Behinderten-Sportverband organisiertes Auswahlverfahren. Es hatten sich viele Trainer beworben, vier wurden schließlich eingeladen. Voraussetzung war es, eine A-Lizenz zu besitzen. Ich habe die Spieler langsam an das Training herangeführt. Ich habe mit den Jungs auch nach den Einheiten lange gesprochen, mir Zeit für sie genommen.

fcn.de: Was dürfen wir unter einem Spieler mit intellektueller Beeinträchtigung genau verstehen?

Jörg Dittwar: Die Spieler müssen einen IQ von unter 75 haben, der vor dem 18. Lebensjahr in einem Test festgestellt werden muss. Daraus resultiert natürlich eine fehlende mentale Leistungsfähigkeit. Manchmal brauchen sie eine halbe Stunde um sich anzuziehen. Dann haben sie ihre Fußballschuhe vergessen. Mein Kapitän hat einen IQ von 55. Er ist seit 15 Jahren dabei, hat vier Welt- und Europameisterschaften mitgemacht. Ein lieber Kerl. Eine Mannschaftsansprache kann er aber nicht machen.

fcn.de: Weshalb hattest du dich damals auf den Job Bundestrainer beworben?

Jörg Dittwar: Ich helfe gerne anderen Menschen und wäre sicher auch ein guter Pfarrer geworden (lacht). Ich hoffte damals wirklich, dass es klappt. Nicht, um mich Bundestrainer nennen zu können, sondern weil diese Menschen schlicht Hilfe brauchen. Die anderen Trainerkandidaten sind nach dem Training auf ihre Zimmer gegangen. Ich blieb, bis die Bettruhe anstand, jeden Freitag und Samstag mit den Nationalspielern zusammen. Nach drei Wochen habe ich schließlich die Zusage erhalten. Seitdem trainiere ich das Team zusammen mit meinem Co-Trainer Herbert Harrer und werde vom Team-Manager Reinhart Brendel und Torwart-Trainer Armin Schmit unterstützt.

fcn.de: Hast du eine spezielle Fortbildung durchlaufen?

Jörg Dittwar: Es war ein Sprung ins kalte Wasser. Geholfen hat mir dabei bestimmt meine Fortbildung im Behindertenbereich. Grundsätzlich bewundere ich alle Menschen, die in Behinderten-Werkstätten arbeiten oder behinderte Kinder betreuen. Emotional darf man dort nicht alles an sich heranlassen. Ich habe oft wochenlang über die Kinder und ihre besonderen Schicksale nachgedacht. Das hat mir wahnsinnig wehgetan. Einer der Jungs etwa hat seine Eltern frühzeitig verloren, der andere ist schon aus drei Heimen herausgeflogen. Die meisten besitzen aufgrund ihrer Beeinträchtigung keine klare Lebenslinie und können ihren Alltag oft nicht eigenständig führen.

fcn.de: Wie erlebst du die Menschen mit Handicap auf dem Fußballplatz?

Jörg Dittwar: Die Kunst ist es, Stärkere und Schwächere zu vereinen. Es macht Spaß, sie zu trainieren. Sie geben alles. Sie sind willig, fröhlich. Nach dem Training kommen sie mit einem Strahlen zu dir, umarmen dich. Sie sind dankbar. Du musst aber damit rechnen, dass die Vormittags-Übung am Nachmittag wieder vergessen worden ist. Am wichtigsten ist deshalb: Automatisieren und üben, üben, üben. Ich will beweisen, dass auch meine Spieler gut Fußball spielen können und dass sie sich als Mitspieler gegenseitig annehmen.

fcn.de: Was ist das Besondere am Angebot für Handicap-Fußballer beim 1. FCN?

Jörg Dittwar: Wichtig ist, dass der Club nicht nur einen Tag hilft, sondern sich der ganze Verein der Arbeit mit Behinderten öffnet. Beim Schnuppertraining habe ich gesehen, wie die C- und D-Jugendspieler unsere Spieler beim Vorbeilaufen neugierig beäugt haben.

fcn.de: Wie wird das Trainingsangebot des 1. FCN konzeptionell aufgebaut?

Jörg Dittwar: Der Spaß steht im Vordergrund. Das Wichtigste ist, dass die Jungs, die kommen, wissen: Bei uns fällt kein schlechtes Wort, bei uns wird niemand beleidigt. Keiner schreit herum. Sie sollen stressfrei mitmachen. Niemandem wird der Kopf abgerissen, wenn er zu spät zum Training kommt. Viele sind bei normalen Vereinen gescheitert, weil sie dort nicht ernst genommen, nicht respektiert worden. Beim Club spielen sie miteinander und treffen auf Menschen, die sie verstehen und achten. Inklusion wird hier gelebt.

fcn.de: Warum haben so viele Menschen Berührungsängste im Umgang mit ihren beeinträchtigten Mitbürgern?

Jörg Dittwar: Diese Frage stellen wir uns auch oft, ohne freilich bisher eine sinnvolle Antwort zu finden. Vielleicht, weil Menschen mit Behinderung anders ausschauen? Weil sie sich anders verhalten? Es gibt hier sicher Berührungsängste. Ich denke, wir bräuchten in der Öffentlichkeit einen prominenten Paten, der sich für diese Randgruppe stark macht. Der Fußball ist eine hervorragend geeignete Sportart, um Fortschritte beim Abbau von gesellschaftlichen Vorurteilen zu erzielen.

fcn.de:  Wie kann der Club hier helfen?

Jörg Dittwar: Es wäre mein Wunsch, mich darum kümmern zu können, Fans, Spieler und Trainer aufzuklären. Oft hört man in der Jugendkultur umgangssprachlich: „Ey, du bist doch ein Behinderter.“ Dann sage ich immer: „Leute, ihr wisst doch gar nicht, was ihr da sagt.“ Oft hilft es einfach, darüber zu reden, um den Umgang zu erleichtern.

fcn.de:  Was ist dein täglicher Antrieb?

Jörg Dittwar: Nach unserem Schnuppertraining beim Club hat ein Junge gesagt: „Genauso habe ich mir das Training vorgestellt. Genauso!“ Das sind die Momente, die haften bleiben. Da muss man aufpassen, dass man nicht vor Freude eine Träne verdrückt.

fcn.de: Welche Erfahrungen habt ihr mit Eltern gemacht? Gibt es auch ein Anspruchsdenken, wie wir es oft beim Club-Nachwuchs beobachten können?

Jörg Dittwar: Die wenigsten Spieler bei uns haben noch Mama und Papa sondern tolle Betreuer, das ist wirklich alles super organisiert. Was mich immer wieder schockiert, sind Erlebnisse im Alltag. Man denkt, dass man nun wirklich alles schon einmal erlebt hat, und dann kommen Menschen, die mit dem Finger auf Behinderte zeigen: „Schau‘ hin, der hat ein Problem.“ Das verstehe ich in diesem Leben nicht mehr. Ich kann jedem nur eindringlich raten, sich einmal selber ein Bild zu machen, etwa eine der vielen Werkstätten zu besuchen. Man wird sehr schnell dankbar für die eigene Gesundheit und die seiner Kinder, und man wird seinen Finger so schnell nicht mehr auf andere Menschen richten.

 

Die Trainingstermine für das wöchentliche Inklusionsangebot für Behinderten-Werkstätten (Lebenshilfe Nürnberg, Noris Inklusion) und alle Fans des 1. FCN am Sportpark Valznerweiher. Club-Fans sind jederzeit willkommen!

Dienstag, 28.03., um 20 Uhr
Dienstag, 04.04., um 20 Uhr
Dienstag, 11.04., um 20 Uhr
Dienstag, 25.04., um 20 Uhr    
Dienstag, 02.05., um 20 Uhr
Dienstag, 09.05., um 20 Uhr
Dienstag, 16.05., um 20 Uhr
Dienstag, 23.05., um 20 Uhr
Dienstag, 30.05., um 20 Uhr

Eine Einheit dauert 90 Minuten. Treffpunkt ist jeweils um 19.30 Uhr vor der Turnhalle am Sportpark Valznerweiher